Texte

Kaputte Welt

Die Welt ist schön, zu schön kaputt,

Um bei ‘ner Misswahl zu siegen.

Wir überziehn sie mit Lack und Schutt

Und seit der Steinzeit mit Kriegen.

Wir stammen doch von den drei Affen ab:

Nichts hörn, nichts sehn und nichts sagen!

Jahrtausend alt ist unsre Ignoranz,

Sie schlägt der Welt auf den Magen.

Der Sanduhrsand rinnt noch ins Glas.

Noch bleibt die Welt nicht stehn.

Doch irgendwann beißt sie ins Gras,

Weil wir sie maßlos überdrehn.

Wir treiben sie mit unsrem Trieb

Jahraus, jahrein auf die Spitze.

Zerlöchern ihre Haut zu einem Sieb

Mit jedem Stich aus unsrer Spritze.

Das Heroin wirkt garantiert,

Das wir ihr in den Körper schießen.

Uns ist es scheißegal, was aus ihr wird –

Wir sind geborn, sie zu genießen.

Der Sanduhrsand rinnt noch ins Glas…

Die Welt ist heilig, doch ihr Heil

Hängt ab von unsren heilen Welten.

Wir sind ja nur auf ihren Reichtum geil

Dafür kann jeder Schwachsinn gelten.

Wir sind Vampire, die den Lebenssaft

Der Welt aus allen Adern pressen.

Wir hab’n schon heute Kanibalenkraft,

Uns gegenseitig aufzufressen.

Der Sanduhrsand rinnt noch ins Glas…

Gerd Krambehr (c)1994

Magnet

( für S.)

Sehnsucht nach Veränderung

Wird mir wohl immer bleiben.

Doch wenn wir in der Dämmerung

Uns aneinander reiben,

Treibst Du mir die Teufel aus,

Leckst Du meine Wunden.

Die Welt ist schon ’n Irrenhaus.

An Dir will ich gesunden.

Unrecht frißt sich wie’n Geschwür

Schon quer durch alle Länder.

Wenn ich abends vor der Glotze frier,

Bist Du mein Hoffnungssender,

Der an mich Signale schickt,

Ja noch nicht aufzugeben…

Spielt die Menschheit auch verrückt –

Für Dich lohnt sich zu leben.

Ja, Du bist der Magnet,

Der mich immerzu anzieht.

Bist die Brücke, die mich hält, die mich trägt.

Bist der Planet, um den mein Leben

Solang‘ ich lebe, sich unentwegt dreht.

Freiheit heißt Notwendigkeit,

Sich Tag für Tag zu wehren.

Auch durch Deine Zärtlichkeit

wächst mein Aufbegehren.

Dafür, daß die Zärtlichkeit

Zwischen Völkern Wahrheit werde.

Deine Liebe ist auch jener

Hoffnungsfunken für die Erde.

Ja, Du bist mein Magnet…

Gerd Krambehr © 1990

Piraten im dritten Jahrtausend*

Noch füttern wir Haie mit unserem Blut,

Um unsre Haut zu retten.

Noch machen wir Sklaven mit Leuchtfeuern Mut,

Die immer noch rudern in Ketten.

Wir hab’n schon das Bermudadreieck durchfahrn.

Trotz mancher Welle sind wir nicht verschwunden.

Noch hab’n wir längst nicht die Insel erreicht,

Wo Zeit wär, zu heilen die Wunden.

Wir sind Piraten im dritten Jahrtausend,

Geboren, uns im Leben durchzuschlagen.

Wie Störtebecker und all die Gefährten

Riskiern wir Kopf und Kragen.

Uns bremst keine Klippe, uns hindert kein Riff,

Die Schätze der Erde zu plündern.

Auf „Teufel komm raus“ wolln wir ein „Traumschiff“

Einst übergeben unsren Kindern.

Obwohl wir selbst auf ’nem Geisterkahn

Am Rand des Untergangs treiben,

Muß uns vom Nordpol bis hin zum Kap…

Ein Stück „guter Hoffnung“ verbleiben.

Wir sind Piraten im zweiten Jahrtausend…

ursprünglich hieß es „Piraten im zweiten Jahrtausend“

Gerd Krambehr (c)1988

HIGHWAY – SONG

Wenn du den Highway runter fährst,

Wird deine Seele freier.

Von San Francisko nach LA,

Warum, das weiß der Geier.

Auf einmal ist da so’n Gefühl

Von Freiheit zu verspür’n.

Bis an die Grenze Mexikos

Wird dich die Reise führn.

Hej, Alter, halt die Zügel fest,

Dein Pferd geht durch mit dir.

Zu Hause wirbt man „Test the West “,

Doch du bist tief im Westen,

Bist jetzt endlich selber hier.

Dein Auge findet keine Ruh’

Am Farbspiel der Natur.

Dort küssen gelbe Berge sanft

Den Himmel aus Azur.

Der Ozean kommt mancherorts

Direkt bis an deine Zeh’n.

An Kaliforniens Schönheit kann

Dein altes krankes Herz vergehn.

Hej, Alter, halt die Zügel fest…

Die Straße führt als grauer Flies

Stets an der Küste lang.

Vorbei am tiefen Redwoodwald

Und manchem steilen Hang.

An malerischen Orten ruhst

Du aus, auf deinem Ritt.

Doch morgens auf’m Highway Number One

Fährt wieder dieses Feeling mit:

Hej, Alter, halt die Zügel fest…

G.K. 1997


Kalle auf Malle (Ballermann-Song)

In der südlichen Hitze des Mittelmeers

Legt Karl-Heinz seinen Arsch in die Sonne.

Und der Strand ist heiß und ihm rinnt der Schweiß,

Doch Mallorca ist die blanke Wonne!

Zuhause spielt Kalle im Mittelfeld
`n ziemliches Mittelmaß.

Doch jetzt is’ er hier und trinkt bayrisches Bier,

Denn Mallorca heißt: Ballermann-Spaß!

Ja, am Ballermann fängt das Leben an

Und der Kalle bleibt stets am Ball…a, balla, balla!

Spielt am Ballermann wacker Baggermann,

Macht die Mädels an, klarer Fall!

Wenn der Abend kommt, dort am Mittelmeer

Macht Karl-Heinz sich bereit für die Nacht.

Zieht den Tanga an, denn am Ballermann

Tobt bis morgens um sechs eine „Schlacht“.

Zuhause ist Kalle `n Spießbürgertyp,

Hat paar Gartenzwerge vorm Haus.

Macht nur selten „blau“, tätschelt seine Frau,

Doch hier lässt er die Sau schon mal `raus!

Ja, am Ballermann fängt das Leben an…

In den lauwarmen Nächten des Mittelmeers

Kommt Karl-Heinz erst so richtig in Form.

Macht beim Wetttrinken mit und beim Ballermann-Strip,

Bricht Sangria – berauscht jede Norm.

Zuhause ist Kalle, was hier keiner weiß,

`n deutscher Pantoffelheld.

Aber einmal im Jahr an der Ballermann-Bar

Sagt sich Kalle: was kostet die Welt!?

Ja, am Ballermann, fängt das Leben an…

Gerd Krambehr © 1999/2013

Sankt Petersburg

( gewidmet dem 310. Jahrestag der Stadt )

Gedankenversunken läufst du verzückt

Durch diese Stadt, diese Perle im Norden.

Venedig ist weit in die Ferne gerückt

Nach ihrem Zauber, kaum sagbar mit Worten.

Die Häuserfassaden am Newski-Prospekt

Sprechen zu dir auf russische Weise.

Die goldenen Kuppeln, in den Himmel gereckt,

Ähneln Leuchttürmen auf deiner Reise.

Sankt Petersburg, du Stadt an der Newa.

Funkelnde Bernsteinlegende am Meer.

Sankt Petersburg, du heimliche Hauptstadt

Mütterchen Rußlands seit jeher.

Am steinigen Ufer liegt schwer wie ein Stein

Der Kreuzer Aurora, touristisch beflaggt.

Im Zeitraffer holt eine Ära dich ein,

Auf Deck – Marschmusik im Viervierteltakt.

Aus offenen Fenstern tönt Geigenmusik.

Du bist plötzlich wieder in Leningrad.

Du hörst Schostakowitsch, als wärst du im Krieg,

Blockiert mit den Menschen der Heldenstadt.

Sankt Petersburg…

Der Zarenpalast glänzt in schillernden Tönen

Zar Peter grüßt bronzegegossen vom Pferd.

Ans Schlangestehn musst du dich einfach gewöhnen,

Billets für die Eremitage sind sehr begehrt.

In heiligen Hallen prunkvollster Schätze

Bestaunst du doch Werke von menschlicher Hand.

Hier läufst du geblendet, verliebt durch die Nächte,

Die weiß sind und einmalig über dem Land.

Sankt Petersburg…

Gerd Krambehr © 2013


Vielleicht

( für V. )

Vielleicht, dass wir uns gehen lassen

In einem schwachen Moment?

Wenn alle Zweifel in uns verblassen

Und nur noch ein Feuer brennt,

Das kein kalkül-kühler Verstand

Imstande ist zu löschen.

Wenn wir, im Wunsch uns nah zu sein,

Jede Gefahr vergessen…

Vielleicht braucht es Zeit, sich zu lieben,

Hemmungslos, uferlos, frei?

Vielleicht braucht es Mut, um zu fliegen,

Grenzenlos, zügellos, weit…

Vielleicht dahin, wo uns Liebe befreit?

Vielleicht, daß wir daran vergehen,

Wenn wilde Gier uns übermannt.

Vielleicht, dass wir kein Land mehr sehen

Und Herzschiffbruch liegt auf der Hand?

Noch tasten wir fast seismografisch

Einander ab, um zu erspür’n,

Wohin uns die Gefühle treiben,

Und wann und wie wir uns verlier’n…

Vielleicht braucht es Zeit, sich zu lieben…

Vielleicht, daß wir einander guttun,

Indem wir teilen unsre Lust,

Die einfach da ist ohne Zutun

Als leichtes Flimmern in der Brust.

Als starkes Fernweh nach dem Strand,

Wo alle Hemmschwellen verschwinden.

Als Sehnsucht nach dem heißen Sand,

In dem sich unsre Körper finden…

Vielleicht braucht es Zeit, sich zu lieben…

G.K.2013


Einsamkeit ( oder: die Wunde )

Ich kratz mir die letzten

Paar Tage vom Kinn

Und spuck meine Träume

Verzweifelt ins Becken.

Die Zunge ist heute

So bleiern belegt,

Wie gern würd‘ ich dich

Zart mit ihr wecken!

Der Vogel „Sehnsucht“

Zerhackt mir das Herz.

Ich seh mein Leben

Zerbrochen im Spiegel.

Hab‘ die Gefühle

In die Pfanne gehaun.

Ein Spiegelei grinst

Blöd aus’m Tiegel.

Die Wunde in mir ist nicht geheilt.

Du hast dich tief in meiner Brust verkeilt.

Erinnerung, die an meinen Schläfen feilt…

Tut weh!

Du hast gesagt,

Wir hätten keine Chance

Im Labyrinth aus

Eifersucht und Lüge.

Ich lauf durch Straßen

Und komm aus der Balance.

Im Gesicht mancher Frau –

Deine Züge!

Die Wunde in mir ist nicht geheilt…

Was gäb‘ ich drum,

Dich wiederzufinden!

Im Menschenmeer

Wärst du mir jetzt ein Hafen.

Ich legte nie an,

Um dich an mich zu binden.

Uns verband so viel mehr

Als beizuschlafen!

Die Wunde in mir ist nicht geheilt…

Gerd Krambehr © 1988